Hannover 96 plant den großen Umbruch – gleich mehrere Abwehrspieler stehen vor dem Abschied

An den Ligabetrieb ist dieser Tage nicht zu denken, das Corona-Virus blockiert (zu Recht) unser‘ aller Leidenschaft. Die beteiligten Akteure machen aktuell abseits des Platzes auf sich aufmerksam. Mit Spenden in Millionenhöhe möchte man den stark in Mitleidenschaft gezogenen Familien, den Unternehmen und den Gesundheits-Einrichtungen durch die Krise helfen. Auch wenn der Volkssport Fußball zurzeit eine absolute Nebensache ist, irgendwann wird auch hier der Betrieb wieder aufgenommen. Die Frage nach der Beendigung der aktuellen Spielzeit ist nach wie vor ungeklärt, daher richten viele Teams ihre Aufmerksamkeit bereits auf die kommende Saison. So auch Hannover 96 in Person von Gerhard Zuber. Viele Verträge laufen aus, Klauseln müssen gezogen bzw. missachtet werden. Martin Kind hat (mal wieder) einen großen Umbruch angekündigt, schließlich soll in der neuen Saison definitiv der Aufstieg her. In unserem Dreiteiler beschäftigen wir uns mit den Spielerreihen im 96-Team und den möglichen Veränderungen. Den Anfang macht die Defensive.

 

Die Abwehr von Hannover 96 glich in einigen der Hinrundenspielen einem Trümmerhaufen, durchschnittlich kassierte man 1,48 Gegentreffer pro Partie. Trainer Kocak konnte in den letzten Wochen zwar deutlich mehr Stabilität in die Defensive bringen, die Probleme sind aber noch nicht endgültig beseitigt. Darüber hinaus hat man mit viel Verletzungspech zu kämpfen. Die Personalie Marcel Franke fehlt bereits seit mehreren Monaten und auch Felipe litt unter Beschwerden. Hinzu kommt die Kritik seitens des Managements an Miiko Albornoz und Co. Zur neuen Spielzeit werden wir uns daher von mehreren Gesichtern verabschieden und an diverse neue gewöhnen müssen. Welche Spieler zittern müssen, lest ihr hier.

Die Linksverteidigung…

Den Anfang machen unsere Linksverteidiger. Aktuell stehen hier mit Jannes Horn, Miiko Albornoz und Matthias Ostrzolek drei Profis unter Vertrag. Die Vorzeichen haben sich binnen der letzten Monate stark gewandelt. Leihgabe Jannes Horn lief seiner eigenen Form in den ersten Wochen hinterher, zuletzt überzeugte er jedoch mit starken Leistungen. Beim jüngsten 3:0-Sieg in Nürnberg war er einer der absoluten Leistungsträger. Der 23-Jährige stand bis dato 16-Mal für die Roten auf dem Platz, unter dem Strich stehen 1054 Spielminuten. Durchschnittlich führt Horn 5,88 Zweikämpfe pro Partie, von diesen gewinnt er 63,2 Prozent. Dieser Durchschnitt klingt zwar nicht all zu überzeugend, man muss jedoch seine steigende Formkurve beachten. Im Spiel gegen Nürnberg war es beispielsweise eine tadellose Zweikampfquote von 100 Prozent! Seine Schnelligkeit ist nicht nur im Umschaltspiel von Vorteil: Zum einen kann er die Bälle mit viel Tempo aus der Gefahrenzone transportieren, zum anderen hilft ihm seine Geschwindigkeit bei der jeweiligen Balleroberungen. Durchschnittlich gelingen ihm 8.98 Eroberungen pro Partie, 63,1 Prozent dieser glücken rund um den eigenen Sechszehner. Hinzu kommt seine stetig besser werdende Passquote. Diese liegt inzwischen bei konstant guten 82,6 Prozent. Die offensive Stärke des ehemaligen Nationalspielers ist eine wahre Waffe. Kaum ein Linksverteidiger in der zweiten Bundesliga verfügt über ein solches Spielverständnis und unterläuft die eigenen Flügelspieler so regelmäßig. Auch wenn seine Flanken (noch) nicht von absolutem Erfolg gekrönt sind (33 Prozent kommen beim Mitspieler an), Jannes Horn ist sowohl in der Defensive als auch im Spiel nach vorne eine Bereicherung. Wir alle erinnern uns an die kuriose Klausel in seinem Leihvertrag. Nur bei einem Aufstieg von 96 hat Manager Zuber eine Kaufoption, um Horn fest zu verpflichten, wohl in Höhe von rund 2,5 Millionen Euro. Im Falle eines Nicht-Aufstiegs besitzt Hannover 96 keine Kaufoption, muss direkt mit Köln verhandeln. Auch wenn es Richtung 2 Millionen Euro Ablösesumme geht – die Niedersachsen sollten angesichts Horns steigender Form zuschlagen.

Jannes Horn fasst bei 96 immer besser Fuß – eine dauerhafte Verpflichtung wird immer wahrscheinlicher

Dünn wird das Eis für Miiko Albornoz. Der Chilene galt bis Mitte der Spielzeit als Stammspieler, musste mit der Zeit jedoch weichen. Insgesamt kommt er auf 17 Einsätze, von den letzten sechs Spielen absolvierte er nur eins über die volle Distanz. Anhand der reinen Statistiken lässt sich die Degradierung nicht nachvollziehen: 65,6 Prozent gewonnene Zweikämpfe,  eine Passquote von 74,3 Prozent und durchschnittlich fünf Balleroberungen in der eigenen Hälfte. Der deutlichste Nachteil gegenüber Horn besteht im vielseitig erwähnten Angriffsspiel. Das Problem ist die Kontraktlaufzeit des 29-Jährigen. Albornoz ist noch bis zum 30.06.2020 an Hannover 96 gebunden, aktuell stehen die Zeichen eher auf Trennung. Unserer Meinung nach hat Miiko Albornoz das Potenzial zum Stammspieler, zumindest als Back-Up kann er Hannover 96 helfen. Eine Verlängerung würde dem Verein guttun.

Die schlechtesten Karten dürfte Matthias Ostrzolek haben. Unsere Nummer 22 stand erst in fünf Spielen auf dem Feld und konnte nicht überzeugen. Von seinen gesamten Aktion waren nur etwas mehr als die Hälfte erfolgreich (52,5 Prozent), allen voran beim Dribbling (25 prozentige Erfolgsquote) und in Sachen Ballbehauptung (durchschnittlich 4,2 Ballverluste pro Partie) hat er Defizite. Auch der Vertrag des gebürtigen Bochumers läuft am 30.06.2020 aus. Im Direktvergleich mit Albornoz sehen seine Karten nicht gut.

 

Die Innenverteidigung…

Die Innenverteidigung gehört zu den größten Baustellen von Hannover 96 – gefördert durch das dauerhafte Verletzungspech. Hoffnungsträger Marcel Franke kam vor der Saison von Norwich City, nach starken 13 Spielen folgte die Zwangspause. Der 26-Jährige fehlt mittlerweile seit Mitte November, angesichts der aktuellen Situation könnte die Saison für ihn bereits gelaufen sein. Ein Abgang kommt jedoch nicht infrage. Sofern er auf dem Platz stand, riss er die Führungsrolle an sich und koordinierte die 96-Hintermannschaft. Auf seiner Habenseite stehen eine starke Passquote von 89,9 Prozent (bei durchschnittlich 61,27 Pässen pro Spiel), eine souveräne Zweikampfquote von 64,7 Prozent sowie 75 Prozent gewonnene Kopfballduelle. Der 1,93 Meter große Franke verleiht der Abwehr bei hohen Bällen Stabilität – es wird Zeit, dass der gebürtige Dresdener auf den Platz zurückkehrt.

Timo Hübers spielte in den letzten Wochen groß auf und dürfe zum absoluten Stammspieler aufsteigen

Ebenso gesetzt für die kommende Spielzeit ist Timo Hübers. Nach seinem Comeback trumpfte der 23-Jährige in allen Spielen groß auf, seine Robustheit in den Zweikämpfen ist erstaunlich. Niemand hätte mit einem so engagierten Auftreten nach knapp zwei Jahren Leidenszeit gerechnet. Gleiches gilt für Waldemar Anton, sofern er noch als Innenverteidiger betitelt werden kann. In der vergangenen und anfangs dieser Spielzeit durchlebte der 23-Jährige viele Tiefen. Spätestens seit der Amtsübernahme durch Kocak zeigt seine Formkurve wieder nach oben – und auch die Variabilität im Positionsspiel tut ihm gut. Von seinen 23 Spielen (92 prozentige Startelfquote) bestritt er acht als defensiver Mittelfeldakteur. Eine Passquote von 84,9 Prozent, 69,9 Prozent gewonnene Defensiv-Zweikämpfe und durchschnittlich 6,6 erfolgreiche Grätschen pro Spiel sprechen Bände.

Die Zukunft von Josip Elez steht derweil in den Sternen. Der Kroate kam zwar in 17 Spielen zum Einsatz, die meisten der 1882 Spielminuten kamen jedoch notgedrungen zustande. Sein Vertrag läuft noch bis zum Sommer 2021, Gerhard Zuber dürfte über einen Transfer nachdenken. Grund ist eine mögliche Ablösesumme, die nur bei einem Wechsel binnen der nächsten Transferperiode nennenswert sein dürfte. Der 25-Jährige hat in der Vergangenheit jedoch bewiesen, dass er zumindest ein verlässlicher Ersatzspieler ist. Auch Elez konnte einen starken Anstieg seiner Form verzeichnen. Gegen Nürnberg gewann er beispielsweise alle Defensivduelle und konnte sechs Gegenangriffe unterbinden. Zwischenzeitlich waren die Zweifel an der mentalen Stärke berechtigt, dieses Tief hat er jedoch überwunden.
Die schlechteste Ausgangslage im Duell um den Verbleib dürfte Felipe haben. Vor der Saison verlängerte der Brasilianer recht überraschend bei 96, eine weitere Verlängerung ist nicht in Sicht. Auch in dieser Spielzeit plagen den 32-Jährigen viele Verletzungen, insgesamt verpasste er neun Spiele aufgrund von Blessuren. Unter dem Strich stehen nur 623 Liga-Spielminuten, mit dem Verlauf sind beide Lager nicht zufrieden. Statistisch gesehen schneidet er nicht viel schlechter als seine Mitspieler ab, seine oftmals ungestüme Zweikampfführung ist aber ein Unsicherheitsfaktor. Auch sein Stellungsspiel bleibt in manchen Situationen ein Rätsel, die Zeichen stehen auf Trennung.

 

Die Rechtsverteidigung…

Auch auf der Rechtsverteidigerposition sollte sich etwas verändern, mit nur zwei gelernten Profis ist man hier unterbesetzt. Neuzugang Sebastian Jung war als Stammspieler eingeplant, seine Verletzungsanfälligkeit machte den Plan jedoch zunichte. Insgesamt stand er in nur neun Spielen auf dem Platz, seine Ausbeute war alles andere als berauschend. Seine Zweikampfquote liegt bei nur 56,4 Prozent, darüber hinaus zögert er oft zu lange. Sein großes Verletzungspech lässt die Zurückhaltung nachvollziehen, durchschnittlich 0,33 Grätschen pro Partie sind für einen Verteidiger aber zu wenig. Hinzu kommen 10,3 Ballverluste pro Spiel. Man versprach sich viel vom Offensivdrang des ehemaligen Nationalspielers, überzeugen konnte er in diesem Segment auch nicht. Seine Flanken sind selten von Erfolg gekrönt (33,3 Prozent Erfolgsquote), die 1,7 geführten Zweikämpfe in der gegnerischen Hälfte sind kein Zeichen für den nötigen Biss. Aufgrund der durchwachsenen Leistungen und den Verletzungspausen erhielt Julian Korb die Chance. In 18 Spielen konnte er sein Talent beweisen, seine Leistungen glichen aber zu oft einer Talfahrt. Unter dem Strich stehen eine ausbaufähige Passquote von 77,6 Prozent, eine schwache Zweikampfquote von 47, 9 Prozent und deutlich zu viele Ballverluste pro Partie (11,18). Im Aufbauspiel agierte er ebenfalls glücklos. Durchschnittlich spielte er nur 0,61 Pässe in die Tiefe (nur ein Drittel kamen an). Auch Korbs Vertrag läuft im Juni dieses Jahres aus, sofern Zuber Ersatz findet, dürfte es auf getrennte Wege hinauslaufen.

Die vielen Gegentreffer verraten bereits, dass in der Abwehr der größte Umbruch stattfinden wird. Die finanzielle Situation ist alles andere als berauschend, daher wird Hannover 96 auf gewinnbringende Transfers angewiesen sein. Gerhard Zuber dürfte in den Zeiten der Corona-Krise definitiv nicht langweilig werden.

 

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