Das System Breitenreiter – Deshalb liegt 96 voll auf Kurs

Er gibt klar die Richtung vor: 96-Trainer André Breitenreiter. Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images.

Hannover – Hannover 96 holt 19 Punkte in den ersten 14 Spielen. Damit sind die „Roten“ voll auf Kurs. Was ist das Geheimnis des „Systems Breitenreiters“? Was zeichnet den 96-Trainer aus? Eine Analyse von Tim Block.

Er gibt klar die Richtung vor: 96-Trainer André Breitenreiter. Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images.

Nach ganz langer Zeit finde ich wieder Zeit für die 96.Spielminute bei 96Freunde.de. In dieser Ausgabe widme ich mich einer Analyse, welchen Stil das Team um André Breitenreiter verinnerlicht hat. Es geht dabei auch darum, welche Rolle seine Zeit auf Schalke spielt und an welchen Stellschrauben wir noch zu drehen haben, um den Grundstein für die weitere Entwicklung der Mannschaft zu legen. Anhand weniger Statistiken möchte ich ebenfalls versuchen, unsere Rolle in einem jedem Bundesligaspiel zu beschreiben.

Schrödingers Breitenreiter

Die Verpflichtung Breitenreiters als 96-Trainer glich dem Gedankenexperiment eines Physikers mit dem Nachnamen Schrödinger. Das Experiment, das den Namen Schrödingers Katze trägt, beschreibt einen Zustand, in dem die Katze, die sich in einer Box befindet, gleichzeitig  tot oder lebendig sein kann. Nur durch das Öffnen der Box und Untersuchung der Katze kann Klarheit herrschen. Selbiges galt für André Breitenreiter. Über ein halbes Jahr hatte er keinen Trainerposten in der Bundesliga inne. Als Außenstehender war nicht klar, wie er diese Zeit genutzt hatte. Besuchte er Fortbildungen? Arbeitete er mit seinem Trainerstab zusammen an einer Idee für den modernen Fußball? Oder verließ er sich auf seine bereits gesammelte Erfahrung als Bundesligatrainer beim SC Paderborn und auf Schalke? Hatte er sich weiterentwickelt? Oder, um im Bild zu bleiben: „War Kater André lebendig?“

Ein Blick zurück

Auf Schalke begann seine Zeit als Trainer nahezu begeisternd. Die ersten Spiele wurden deutlich gewonnen und der Fußball war attraktiv: Schnelle und vertikale Angriffe über die Flügel mit Zug zum Tor. Das war im Grunde die Devise, mit der er auf Schalke erfolgreich sein wollte. Im 4-2-2-2 war dieses Spiel dem damaligen Schalker Julian Draxler wie auf den Leib geschnitten. Doch sein Schlüsselspieler wechselte zum 31.08.2015 nach Wolfsburg. Dadurch musste der Coach umdenken. Das gelang ihm auch. Das Pressing war zwar teilweise etwas holprig, die Mannschaft überzeugte jedoch mit hohem Einsatz. An dieser Stelle sind Parallelen zu seiner jetzigen Arbeit als Trainer zu erkennen: Auch 96 spielt schnell und vertikal über die Flügel, gepaart mit hohem Einsatz der Mannschaft. André Breitenreiter kann eine Mannschaft perfekt auf den nächsten Gegner einstellen. Auf Schalke installierte er zum Ende der Hinrunde sogar einen eigenen Spielstil, der auch zu den „Knappen“ passte.

Breitenreiters Start auf Schalke war erfolgreich. Foto: PATRIK STOLLARZ/AFP/Getty Images.

Lösungen für spielerische Probleme

Das Problem mit dem Spielaufbau ohne Draxler löste er, indem der einen zusätzlichen Spieler ins Zentrum setzte und nur noch die Innenverteidiger Aufbauen ließ. Durch den Erfolg der Schalker, wurde der Mannschaft aus dem Ruhrgebiet zunehmend der Ball überlassen. Und genau das machte der Mannschaft Probleme. Auch wenn aus einer sicheren Defensive gespielt wurde, gab es für Schmöker Verhältnisse zu wenig Spektakel. Nach nur einer Saison musste Breitenreiter wieder gehen. Für Schalke folgte eine Katastrophensaison. Bei 96 gelang dem Hannoveraner letztlich der Bundesligaaufstieg.

Rolle von Hannover 96

Auch bei seinem Heimatverein stellt er das Team perfekt auf den nächsten Gegner ein. Auch während des Spiels findet unser Trainer Lösungen, wenn es mal nicht so läuft, oder um auf Umstellungen des Gegners zu reagieren. Gerade Schalke kann davon ein Lied singen. Die Spielweise von Hannover 96 ist sehr auf Basics ausgelegt. Das Team rund um Andre Breitenreiter ist sehr auf Mannorientierung fixiert und gehört zu den eher unbequemeren Mannschaften der Liga.

Im Training erklärt Breitenreiter sehr viel. Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images.

Sané als Schlüsselspieler

Besonders Salif Sané weiß mit Bestwerten zu glänzen. Statistisch gesehen war er kurzfristig sogar der beste Verteidiger der Bundesliga. Er gewann die meisten Luftduelle aller Verteidiger, hatte die meisten gewonnenen Zweikämpfe. Unter Breitenreiter ist er zu einem absoluten Leistungsträger gereift. Vereinsintern hat er auch noch die meisten Ballkontakte. Hier zeigt sich ein bereits auf Schalke zu beobachtendes Phänomen: Wenn aus dem Mittelfeld zu wenig spielerische Ideen kommen, müssen die Verteidiger das Aufbauspiel übernehmen. Das muss sich ändern.

Suche nach der Kreativität

Dem Team fehlt während des Spiels ein kreativer Mittelfeldspieler, der technisch und taktisch gut geschult ist und über eine hohe Spielintelligenz verfügt. Diese Rolle könnte durchaus Pirmin Schwegler übernehmen, wenn er nicht so häufig am Spielaufbau mitarbeiten müsste. Für den Schweizer bedeuten die 90 Minuten Bundesligafußball sehr viel Arbeit. Als spielstarke Ergänzung zu Schwegler führt für meine Begriffe kein Weg an Manuel Schmiedebach vorbei. Denn: Marvin Bakalorz ist zwar ein echter Mentalitätsfußballer, der sich hier gut entwickelt hat, aber die Dynamik und der Einsatz reichen allein nicht aus. Ex-Kapitän Schmiedebach ist nur völlig außer Form, wie zuletzt in München zu sehen war. Iver Fossum, der von seinen technischen Fähigkeiten eigentlich alles erforderliche mitbringt, blieb den erforderlichen Beweis bisher allerdings auch schuldig. Hier ist dringender Nachbesserungsbedarf.

Karaman als Mosaikteil

In vorderer Reihe fehlt es derzeit an einem Spieler, der durch seine Dynamik auf den ersten Metern und guten Laufwegen für Unruhe sorgen kann. Durch das Binden von Gegenspielern könnte dieser Spieler im gegnerischen Zentrum für Räume sorgen. Diese Rolle kann grundsätzlich Kenan Karaman übernehmen. Bei vielen Fans ist der Offensivspieler in meinen Augen zu Unrecht in Ungnade gefallen. Denn er hat bei insgesamt nun fünf (!!!) Trainern immer seine Einsatzzeiten bekommen. Seine Körperliche Robustheit und die Art, wie er ihn einzusetzen weiß, macht ihn für mich zu einem Mosaikteilchen, jenes man gerne mal wieder einsetzen könnte.

Kann er die Möglichkeiten des 96-Trainers in der Rückrunde erhöhen? Stürmer Anthony Ujah. Foto: Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images.

Handlungsbedarf im Winter

Grundsätzlich fehlen dem Coach allerdings die Alternativen, um auf Ausfälle und Formschwankungen reagieren zu können. Das zeigen auch die mäßigen Erfolge in den letzten Wochen. Die Mannschaft kriecht förmlich auf dem Zahnfleisch. Dringend benötigt werden ein Innenverteidiger, ein kreativer Mittelfeldspieler und ein weiterer Stürmer. Dadurch könnte das „System Breitenreiter“ auch nach der Winterpause für ordentlich Punkte und jede Menge gute Laune bei den 96-Fans sorgen.

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