Liebesentzug für die Fanszene: Die Reaktion der Mannschaft ist verständlich. Ein Kommentar

90 Minuten Stimmung reichen nicht aus, um die Wunden zu heilen.

Niclas Füllkrug betonte bereits zu Beginn der Saison, dass der Stimmungsboykott der Mannschaft schadet und nicht spurlos an ihr vorbeigeht. Foto: Getty Images

Nach dem 2:1-Heimsieg ignoriert die 96-Mannschaft die Nordkurve – und zeigt dadurch, wie sehr sie unter dem Stimmungsboykott gelitten hat.

Ein Kommentar von Dennis Draber

Ein kurzes Klatschen aus der Ferne, ein flüchtiges Winken von der Mittellinie, das war’s. Die 96-Mannschaft vermied es nach dem umkämpften 2:1-Heimsieg gegen den SC Freiburg, nach dem Schlusspfiff in die Nordkurve zu kommen.

Die aktive Fanszene, die in den 21 Spieltagen zuvor einen Stimmungsboykott durchgezogen hatte, hatte 90 Minuten lang alles auf den Rängen gegeben. Zwar gab es keine Choreo oder auch keine besonderen Gesten der Entschuldigung, dennoch war der Support erstklassig, laut und koordiniert. Es gab Wechselgesänge mit Unterrang und Westtribüne sowie Klassiker wie „In Kopenhagen schellt das Telefon“ und „In Peru, in Peru, in den Anden“. Kurzum, die Stimmung war zurück, die Emotionen waren positiv. Bis zum Abpfiff, als die komplette Mannschaft es vermied, in die Nordkurve zu kommen, um sich von den stimmungsmachenden Ultras feiern zu lassen.

Gestern Abend hagelte viel Kritik auf die Mannschaft ein. Von „Söldnern“ und „ignoranten Millionären“ war in den sozialen Netzwerken die Rede, einige User benutzen Hashtags wie #notmyteam (in Anlehnung an #notmypresident).

Meine persönliche Meinung ist eine andere: Ich finde die Reaktion der Mannschaft absolut verständlich. 21 Spieltage hat das Team zuvor alles gegeben, hat als Aufsteiger mehrere Spitzenmannschaften wie Dortmund (4:2) und Schalke (1:0) mit grandiosen Leistungen aus der heimischen Arena gefegt. Doch die aktive Fanszene ignorierte diese besonderen Leistungen. Zwar richtete sich der Stimmungsboykott gegen Martin Kind und nicht gegen die Mannschaft – das hatte die Fanszene ausdrücklich erklärt. Dennoch hat die Mannschaft mehr als einmal betont, wie sehr sie die Stimmung der Fans benötigt und dass der Stimmungsboykott schmerzt.

Der hannoversche Jung Niclas Füllkrug, als gebürtiger Ricklinger bestens mit Stadt und Verein vertraut, äußerte dies mehrfach unmissverständlich in Interviews. Und selbst als die Mannschaft mit einem Plakat („Wir brauchen euch. Das ganze Stadion“) nach dem Offensiv-Spektakel gegen Leverkusen am 17.12.2017 regelrecht um die Unterstützung der Fans bettelte, wurde beim darauffolgenden Fanszene-Treffen am 05.01.2018 beschlossen, die Mannschaft weiterhin nicht zu unterstützen und den Stimmungsboykott trotz des Hilfe-Banners fortzusetzen.

Die Mannschaft hatte nach dem 4:4 gegen Leverkusen eine Botschaft für den Anhang…
Bild könnte enthalten: Text
… doch trotz der Hilferufs der Mannschaft stand beim darauffolgenden Fanszene-Treffen ein Ende des Stimmungsboykotts nicht zur Abstimmung.

Deshalb ist es verständlich, dass die Mannschaft zeigt, wie tief die Enttäuschung gesessen hat, als trotz ihres hilfesuchenden Banners beim darauffolgenden Fanszene-Treffen am 05.01.2018 ihre Bitte ignoriert wurde.

Jetzt, nachdem es 21 Spieltage lang keine Unterstützung gab, hat die Fanszene beim 22. Mal wieder für Stimmung gesorgt. Um es zugespitzt zu formulieren: Wenn man von einem guten Freund 21 Mal ignoriert wird, fällt man ihm dankend in die Arme, wenn er beim 22. Mal freundlich grüßt? Wenn man 21 Mal von seiner Freundin sitzen gelassen wird, flippt man dann aus vor Freude, wenn sie das 22. Mal zur Verabredung erscheint? Auch die Mannschaft hat ihren Stolz. Und selbst wenn es sich um Profis, um gutbezahlte Fußballspieler handelt, so sind es am Ende immer noch Menschen.

Zum Abschluss sei gesagt, dass man den gestrigen Vorfall nicht überbewerten sollte. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Mannschaft nach dem nächsten Heimspiel auch wieder in die Kurve kommen wird, um sich für den Support der Fans zu bedanken. Gestern hat sie es nicht getan. Das ist das gute Recht der Mannschaft gewesen, genauso wie es das gute Recht der Ultras gewesen ist, im Stadion zu schweigen – das habe ich bereits im August 2017 auf dieser Seite geschrieben:

Natürlich ist niemand zum Anfeuern verpflichtet. Auch Ultras dürfen die Spiele schweigend schauen, wie so viele andere Besucher auf der Ost- oder Südtribüne auch. Dennoch wird die Mannschaft unter dem Stimmungsboykott leiden. Das ist keine Anklage – es ist eine nüchterne Feststellung. (12. August 2017)

Mit der gestrigen Reaktion hat die Mannschaft den Fans nun gezeigt, wie sehr sie die vergangenen 21 Spiele gelitten hat. 90 Minuten Stimmung reichen eben nicht aus, damit die Wunden verheilen – dazu benötigt es noch etwas mehr Zeit. Man sollte der Mannschaft diese Zeit zugestehen.

6 Kommentare

  1. ZumGlück war die Mannschaft professionell genug, trotz des Boykotts tolle Spiele zu liefern und viele Punkte zu gewinnen. Dummerweise haben sie damit die Boykotteure boykottiert und ihnen auf die Stirn geschrieben, wie sinnlos deren Verhalten ist. Und das kriegt die Mannschaft jetzt natürlich zurück, wenn sie den Selbstbesoffenen nicht auf Kommando Folge leistet 

  2. Guter Beitrag, der das Theater sachlich nüchtern beschreibt.  Hätte die Manschaft jetzt auf allen Vieren vor Dank in die Kurve kriechen müssen? Die Mannschaft wurde am härtesten bestraft und hatte es mit den Leistungen am wenigsten verdient! Der Kollateralschaden im wohl aussichtslosen Machtkampf mit Kind. Die Fans zeigen soviel Kreativität bei ihren Plakaten, da wird man doch auch andere Mittel finden Ohr gleich die Mannschaft zu bestrafen. Mit etwas Zeit wird sich das wieder einkriegen. Jetzt nur einfach ruhig bleiben.

  3. Hat sich jemand aus der „aktiven" Fanszene, die eher eine nicht nur passive, sondern in Wirklichkeit gegnerische war, mal überlegt, wo in der Tabelle die Roten ständen, wenn sie sich in den vergangenen Monaten auf den elften Mann hätten verlassen können? 

    Falls der Satz zu lang für euch Ultras war: wie blöd muss man sein, um einen ökonomischen Konflikt auf den Rasen und damit gegen die eigene Mannschaft, die man doch so innig liebt, zu verschieben?

    Immer noch zu lang? Siehste: so kompliziert sind die Dinge. Es scheint, als ob in eurem Kopp neben Plastikbecherbier und der Lust auf eine ordentliche Rauferei nicht mehr viel Raum ist. 

    Dass die Mannschaft da steht, wo sie derzeit steht, hat sie nicht euch zu verdanken. Das hat sie sich tatsächlich GEGEN euch erkämpft. Ihr würdet sie in die Regionalliga schicken, nur um euren Streit mit dem Vorstand zu befeuern. Das ist so toll, so schön, so richtig, dass ich ab der nächsten Saison meine Zeit am Osterdeich verbringen werde. Werft mal einen Blick auf die Werder-Fanszene. Und schämt euch.

    • Der Schreiber "Michael", der hier mit althergebrachten und rüden Beleidigungen gegen die Ultraszene poltert und offen erklärt, dass er sich mit der deutschen Ultraszene im Fußball keineswegs auskennt, da er diese völlig falsch in eine Schublade mit Gewaltbereiten steckt,  sollte sich mal fragen, ob er hier einen auch nur im Ansatz niveauvollen Beitrag zur Meinungsbildung beiträgt. Oh man, lieber Michael, bitte formuliere doch sachlich und ohne Diffamierungen. Ich kann nur hoffen, dass du Bremer bist und kein 96er! 

      Grüße von einem alten96er, der schon in der Regionalliga im Stadion saß doch niemals zu organisierten Fangruppen gehörte.  

      • Und jetzt? 

        Ich hab hier im Stadion gesessen, als das noch Niedersachsenstadion hieß und seine Seele nicht an Swiss-AWD-HDI- oder sonstige Strukturvertriebe verkauft hatte. Ich hab Rodekamp und Siemensmeyer die Hand geschüttelt und auf Fifi Kronsbein geschimpft und Çick Çajkowski gefeiert. Ich fand schon damals Jupp Heynckes als Spieler völlig überbewertet – der war auch mal hier. Ja, ich bin Hannoveraner und 96er. Das würde ich gerne bleiben – ich bin nicht der einzige. Allerdings wohnt meine Freundin in Bremen, und daher weiß ich, worüber ich spreche. Als in der vorletzten Saison 96 in der Hinrunde gegen Werder gewann, saßen wir zusammen hier im Stadion. Und in der Rückrunde sahen wir zusammen 96 am Osterdeich untergehen. Da gibt es schon deutliche Unterschiede zwischen den Fans: ein Stimmungsboykott käme keinem Werderaner in den Sinn. Nicht einmal gegen Willi Lemke.

        Hast du, oh Gorro, auch nur einziges Gegenargument? Und wenn ja, warum formulierst du es nicht? Was ich über die „Fanszene" von 96 schrieb, war eine Beschreibung, und auch noch eine sehr wohlwollende. Diffamierung spielt sich in deinem Kopf ab – weil dir kein Gegenargument einfällt? Noch mal: für die Auseinandersetzung um die 50+1-Regel kann kein einziger Spieler etwas. Worin also soll der Sinn dieses Boykotts bestehen? Ihr würdet die Mannschaft in die Amateurliga schweigen, nur um Martin Kind (der mal der „Weiße Ritter" gegen Utz Claassen war) eins auszuwischen. Und wenn das, wie du sagst, nicht mit Bier und Haue zu tun hat, womit dann? Bleibt nur Dummheit… oder die Unwissenheit der Jugend. 

         

        Das sei verziehen. 

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