„Für 96 wird es nicht mehr eng“ – Das Faninterview vor dem 96-Gastspiel in Dortmund

Beeindruckende Kulisse: Die Südtribüne wird nicht umsonst "Gelbe Wand" genant. Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images.
Aktuelle Top-Angebote der Telekom, Online-Vorteile, Attraktive Prämien

Hannover – Mit drei Niederlagen in Folge im Gepäck tritt Hannover 96 am Sonntag in Dortmund an. Vor dem Spiel steht uns der freie Journalist, BVB-Experte und -Fan Stefan Buczko Rede und Antwort.

Willkommen im Faninterview, Stefan. Stell Dich den 96Freunde.de-Lesern doch bitte einmal kurz vor.

Ich bin 1989er Jahrgang aus Dortmund, unter anderem berichte ich seit 2013 als freier Journalist über den BVB bei ESPN FC, hoste den englischsprachigen BVB-Podcast Yellowwallpod und bin als Koordinator für das Onefootball Netzwerk zuständig. 

In der Nachspielzeit erst das 2:2 zu kassieren und dann doch noch 3:2 gegen Frankfurt gewinnen, das ist dann wohl Charakterstärke, oder wie nennst du das?

Natürlich. Kombiniert mit einer Riesenportion Glück, dass die Frankfurter nicht die Cleverness hatten die Uhr runter zu spielen und mit ebenso viel Können, denn was Michy Batshuayi da in der letzten Sekunde des Spiels gemacht hat war einfach Weltklasse.

„Michy Batshuayi passt besser zu Peter Störers Fußball“, sagt BVB-Experte Stefan. Foto: Lars Baron/Bongarts/Getty Images.

Was würde der BVB ohne Michy Batshuayi machen?

Wahrscheinlich mit einem frustrierten Pierre-Emerick Aubameyang in der Sturmspitze spielen, denn Dortmund hätte im Winter ohne Alternative seinen besten Stürmer nicht abgegeben. Im Nachhinein ist es wohl besser, dass der junge Belgier zum BVB gewechselt ist, denn er passt besser zu Peter Stögers Fußball.

Er ist vom FC Chelsea ja nur ausgeliehen. Meinst Du es gibt eine Chance, ihn im Sommer doch fest zu verpflichten?

Am Ende des Tages, wird es wohl darauf ankommen was der Spieler will. Chelsea hat mit Alvaro Morata und Olivier Giroud schon zwei sehr gute Stürmer im Kader und könnte gewillt sein, Batshuayi im Sommer zu verkaufen. Allerdings glaube ich, dass es in jedem Fall sehr schwierig sein wird für Dortmund den Spieler zu halten denn er wird mit Toren wie dem Doppelpack gegen Frankfurt nicht unbedingt Preiswerter und man könnte in Nord-London auf den Gedanken kommen, ihn auch an einen anderen Verein teuer zu verkaufen.

Vier Siege, fünf Unentschieden, keine Niederlage. Nur die Bayern sind in der Rückrunde besser. Bist Du demnach mit der Leistung des Teams zufrieden?

Das lässt sich mit einem klaren nein beantworten. Zunächst muss man festhalten, dass das Auftaktprogramm vergleichsweise schmeichelhaft war und Borussia Dortmund Heimspiele gegen Wolfsburg, Freiburg und Augsburg gewinnen sollte. Darüber hinaus hatte man bei dem 1:0 Sieg in Gladbach großes Glück, (28-7 Torschüsse für die Fohlenelf) mit drei Punkten nach Hause zu fahren. 

Im Großen und Ganzen hat der BVB nach drei unterschiedlichen Trainern binnen neun Monaten eine Spielidentität verloren. Unter Peter Stöger läuft man nicht mehr Blind in das offene Messer wie noch im Hinspiel, aber große Verbesserungsschübe sind auch unter dem 51-jährigen Österreich nicht möglich.
Die Mannschaft hat wenig bis keine Ideen im Aufbau- und Ballbesitz. Gefahr entsteht meist im Umschaltspiel durch Zufälle oder Fehler des Gegners.

Die individuelle Klasse der Einzelspieler kann zwar einiges kaschieren, aber sobald man gegen eine Mannschaft spielt die ein klares Konzept hat, Fehler vermeidet und die Räume eng macht wird es arg schwer für die Borussen sich Chancen zu erspielen. Die 2:1 Niederlage gegen FC Salzburg im Hinspiel des Europa League Achtelfinals steht dafür als Paradebeispiel.

Was denkst Du über Trainer Peter Stöger? Sollte er über das Saisonende hinaus gehalten werden?

Peter Stöger ist in meinen Augen ein guter Trainer, der neben fachlicher Kompetenz auch eine gute Menschenführung an den Tag legt. Gerade letzteres ist sehr wichtig im Umgang mit sehr verunsicherten Borussen und könnte den Ausschlag geben sich zur Champions League Qualifikation zu schleppen.

Nichtsdestotrotz hat sich Borussia Dortmund über die letzten Jahre einen finanziellen Vorsprung über 16 andere Vereine in der Liga erarbeitet und wenn man nicht zu verschwenderisch mit den eigenen Ressourcen ist wird man auch als Favorit in die meisten Spiele gehen. Deswegen sehe ich langfristig keine alternative zu einem Ballbesitzfußball, der es ermöglicht gegen kompakte Gegner spielerische Lösungen zu finden.

Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren, aber ich glaube nicht das Peter Stöger einen ausgeklügelten Ballbesitzfußball spielen lassen kann. Und somit sollte man sich im Sommer für einen anderen Trainer entscheiden – ob die Vereinsbosse auch so handeln werden steht auf einem anderen Blatt.

BVB Experte Stefan über Coach Peter Stöger: „Man sollte sich im Sommer für einen anderen Trainer entscheiden.“ Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Image.

Für mich zeigt Dortmund derzeit vor allem Schwächen in der Defensive. Könnte da ein Spieler wie Salif Sane in der kommenden Saison helfen?

Vielleicht. Natürlich ist die Kopfballstärke von Sane nicht zu übersehen, allerdings habe ich den Spieler nicht genau genug beobachtet um über sein Verhalten im individualtaktischen Bereich abschließend zu beurteilen.

Dortmund hat momentan arge Probleme im Defensivverbund, weil vielen Spielern unerklärliche Stellungsfehler in großer Regelmäßigkeit passieren. Innenverteidiger Sokratis Papastathopoulos wird häufig für seine heroischen Grätschen gefeiert aber öffnet oftmals den Raum im Rücken der Abwehr weil er ohne Not aus der Kette rückt um Bälle im Mittelfeld zu erobern. Gerade Julian Weigl verspricht momentan keine Stabilität im defensiven Mittelfeld.

Er kommt häufig einen Schritt zu spät um in die Zweikämpfe zu kommen und reagiert meist anstatt zu antizipieren.Gegen Frankfurt sahen Mahmoud Dahoud und Gonzalo Castro auf der Doppelsechs vielversprechend aus, allerdings musste ersterer zur Halbzeit wegen akuter Gelbrotgefahr von Stöger ausgewechselt werden.Ich könnte mir sehr gut Vorstellen, dass Christian Heidel von Schalke 04 ein Auge auf Sane geworfen hat, da Naldo im September 36 Jahre alt wird.

Sane zum BVB? „Ich könnte mir vorstellen, das Christian Heidel von Schalke an ihm interessiert ist.“ Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images.

Nach dem 1:2 im Heimspiel gegen Salzburg, steht der BVB vor dem endgültigen europäischen Aus. Wie wichtig wäre ein Weiterkommen?

So bitter es klingt, aber da Borussia Dortmund keine realistische Chance auf einen Europa League Sieg hat – unabhängig davon ob man am Donnerstag eine Runde weiter kommt – sollte man sich besser auf die Bundesliga konzentrieren.

Die Bayern sind weg. Schalke, Dortmund und Leverkusen machen Platz zwei wohl unter sich aus. Wäre eine Vizemeisterschaft wichtig, oder gilt es einfach nur unter die Top-Vier zu kommen?

Die Mannschaft braucht größere Veränderungen im Kader und vielleicht auf der Trainerposition. Da könnte eine Vizemeisterschaft sogar kontraproduktiv sein in der Hinsicht, dass man sich letzten Endes mit dem Status Quo begnügt. Generell ist ein Champions League Platz wichtig für die langfristige Entwicklung des Vereins – auf welchen Platz man am Ende steht spielt dabei eine untergeordnete Rolle.

Du hast zusammen mit Stefan Döring ein Buch über den BVB geschrieben. Worum geht es da genau und wo ist es erhältlich?

Stefan und ich haben eine Mischung aus Historie, Anekdoten, Fakten und Firlefanz zu einem Schmökerbuch zusammengetragen. “Es gibt nur eine Borussia: Warum wir den BVB lieben” ist online oder der im Buchhandel erhältlich.

Hier das neue BVB-Buch direkt kaufen

Auch über Hannover 96 ist ein neues Buch erschienen

Wie ordnest du du die sportliche Situation in Hannover aus der Ferne ein?

Ich glaube, dass die Gegner sich in der Rückrunde auf die 96er eingestellt haben und mehr Fokus auf die Konterunterbindung und Absicherung legen. Man hat in der Hinrunde vielleicht etwas überperformt und spielt nun etwas unter seinen eigenen Möglichkeiten. Insgesamt bin ich sehr beeindruckt von der Runde, die Hannover spielt. Das man nach 26 Spieltagen sieben Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz hat ist ein großer Erfolg für jeden Aufsteiger – außer vielleicht für Leipzig.

In Hannover kämpft Martin Kind um die Abschaffung der jetzigen 50+1-Regel und legt sich dabei mit Teilen der Fanszene an. Wie beurteilst du diesen Sachverhalt?

Ich finde es gut, dass man sich wehrt. Ich persönlich finde gute Argumente für und gegen den erhalt der 50+1 Regel. Natürlich klingt es verlockend, mit frischem Kapital von zwielichtigen Investoren auf internationaler Bühne Wettbewerbsfähiger zu werden und das schützende Schild, welches die 50+1 Regel über den FC Bayern hält, zu durchbrechen um die Liga wieder spannender zu machen. Allerdings, ist das Risiko zu hoch das kulturelle Institutionen, die Fußball Vereine in meinen Augen nunmal darstellen, zu Spielbällen von Investoren werden. Lieben Gruß an Oliver Mintzlaff (Geschäftsführer RB Leipzig, Anm. d. Red.).

Wird es für die Breitenreiter-Elf noch einmal eng in Bezug auf den Klassenerhalt?

Nein, Mainz ist einfach zu schlecht und hat ein schweres Restprogramm.

Im Heimspiel musste sich Dortmund in Hannover am Ende mit 2:4 geschlagen gegen. Warum gelingt am Sonntag die Revanche?

Weil Peter Stöger nicht so große Verletzungssorgen in den Abwehrreihen hat wie Bosz im Hinspiel, weil es nicht mehr ganz so einfach ist den BVB auszukontern, weil Ihlas Bebou gelb gesperrt ist, weil Hannover in einem Formtief hängt, und weil die Dortmunder nach der Europa League schmach mal wieder auf Wiedergutmachung aus sein werden.

Dein Tipp, bitte: Welchen Spielstand werden wir nach Abpfiff auf der Anzeigetafel sehen?

Mein Tipp lautet 2:1.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.